Digitale Evangelisten und digitale Apokalyptiker

Die Lüge der digitalen Bildung von Gerald Lembke (hier) ist der Grund für viele, die sich mit digitalen Medien in der Schule beschäftigen, eine Gegenposition zu Lembke (und auch Spitzer) zu formulieren. Mich beschäftigt in diesem Zusammenhang, warum ich mich so schwer mit diesem Gedanken anfreunden kann, Gegenthesen aufzustellen.

allesgut

Hans Magnus Enzensberger hat in seinem Beitrag „Das digitale Evangelium“ zwischen digitalen Evangelisten und digitalen Apokalyptikern unterschieden. Verwendet man dieses Gegensatzpaar, so sind die Evangelisten jene, die sich für die Digitalisierung der Schule ohne Wenn und Aber aussprechen. Die Apokalyptiker wären dann jene, welche Medien – insbesondere digitale – am liebsten zur Gänze von Kindern und Jugendlichen fernhalten wollen. Werden diese beiden Extreme als Endpunkte einer Skala von -10 bis +10 herangezogen, so ergibt das folgendes Bild:

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Jede Zuordnung ist natürlich rein subjektiv, objektiv messbare Kriterien können nicht ausgemacht werden:

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Neben dieser Skala gibt es aber noch einen zweiten wesentlichen Faktor: den der Diskursfähigkeit. Nimmt man das Prinzip der kritischen Prüfung (Popper, Albert) als Grundlage wissenschaftlicher Arbeit, so sollte man den eigenen Thesen immer nur vorläufige Gültigkeit zugestehen und dem Diskurs (der kritischen Prüfung) aussetzen. Tatsächlich stoßen manche intensiv die Diskussion zu ihren Thesen an (Martin Lindner etwa auf G+, Beats Blog,… –> +10), andere lassen den Dikurs geschehen, ohne sich selbst zu beteiligen oder daraus Schlussfolgerungen zu ziehen (0). Und einige Meinungsmacher verweigern sich nicht nur dem Diskurs, sondern verunmöglichen diesen durch Argumente ad hominem, Totschlagargumente, etc (negative Skala). Wenig überraschend sind das vor allem jene im Feld, die Extrempositionen vertreten. Folglich die zweite Achse: Diskursfähigkeit.

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Wo würdet ihr euch selbst verorten, wo andere Schlüsselfiguren, die die aktuelle Diskussion bestimmen?

Eine dritte Dimension wäre durch die Endpunkte adaptives Lernen — pervasives Lernen gegeben. Diese beiden Positionen sind aber IMHO kein klares Gegensatzpaar. Alternative: Didaktisierung — Entdidaktisierung. Siehe dazu Martin Lindner: Pervasives Lernen

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Meine einstweiligen Schlussfolgerungen:

  • Wenn es darum geht, Geld zu verdienen, werden Extrempositionen eingenommen und diese wenig dem Diskurs ausgesetzt (auf der einen Seite bspw. Buchautoren wie Lembke, Spitzer, auf der anderen Technologiefirmen).
  • Mir fällt es schwer Lembke in allen Punkten zu widersprechen, weil ich mich selbst auf der Evangelisten/Apokalyptiker Dimension eher bei ca. +2 einschätze und nicht bei +10.
  • Die Diskussionen rund um digitale Medien in der Schule sind in ihrer Vielfalt kaum mehr nachzuvollziehen. Das eigentliche Problem ist, dass man im Feld Relevantes aufnimmt und dennoch die benötigte Zeit dafür in überschaubarem Rahmen hält.

Und die für mich noch offenen Fragen:

  • Was bewirken Lembkes und Spitzers Veröffentlichungen – Opium für das Volk? Folgt den digitale-skeptischen wie digital-euphorischen Diskussionen tatsächlich eine Veränderung im Schulalltag? Ändert sich die Qualität des Unterrichts? Gibt es einen nennenswerten Impact? Oder dienen diese eher der Befriedigung persönlicher Eitelkeiten und Rechthabereien, sind sie ausschließlich der untaugliche Versuch, aus persönlichen Erlebnissen allgemeingültige Theorien abzuleiten ohne (s.o.) seine eigene Meinung auch zur Diposition zu stellen – verläuft die Debatte also tatsächlich und mehrheitlich im Sinne einer kritischen Prüfung?

Ergänzungen (Juni 2015)

  • Zuordnungen in diesem System betreffen die durch die Person vertretene Position und nicht die Person selbst.
  • Als dritte Achse bietet sich eher eine weniger inhaltliche sondern beruflich geprägte an: Praktiker vs. Tehoretiker.
  • Standpunkte verändern sich im Laufe der Zeit, Bewegungen auf allen 3 Dimensionen und in allen Kombinationen denkbar.
  • Die Diskussionen zu diesem Thema laufen (wie gewohnt) auf den einzelnen Plattformen in unterschiedliche Richtungen.

6 thoughts on “Digitale Evangelisten und digitale Apokalyptiker

  1. Danke für den Artikel!
    Ich weiß zwar nicht wo ich mich selber einordnen würde, aber eher im Evangelisten-Bereich ? Leider merke ich, dass ich mich viel zu wenig „theoretischer“ Natur mit der Thematik auseinandersetze, weil ich auch sehr stark daran glaube und von vornherein festsetze, dass es ohne digitales Lernen in der Schule gar nicht geht… Das 21. Jahrhundert ist da, der Zug ist schon lange abgefahren… Wir leben (und daher lernen und lehren) im digitalen Zeitalter.
    P.S.:
    Den Einsatz von GeoGebra habe ich so auch noch nie gesehen! 😉

  2. Pingback: Digitale Hochschuldidaktik als eine Bedingung für digitale Schuldidaktik und eine digital souveräne Gesellschaft | mostblog

  3. Danke für deine Gedanken – auch mich spricht die Dimension der Diskursfähigkeit an, vielleicht auch deswegen, weil mich diese auch gesellschaftspolitisch immer wieder vor viele Fragen stellt.
    Ein entscheidender Gedanke ist für mich die Frage nach Veränderung von Schule und Verbesserung von Lehr-und Lernqualität. Da es dafür weder eindeutige Indikatoren noch allgemeingültige Kriterien gibt, lässt sich diese Frage für mich (immer) schwer(er) beantworten.
    Wissenschaftlich nicht belegt sondern aus meiner Erfahrung heraus: digitale Medien in der Schule können durchaus sehr positiv wirken – aber nur im Gefüge eines guten L-SuS-Eltern-Teams und als ein Gelingensfaktor von vielen.
    UND/ABER: wer glaubt, dass es besser ist, Kindern digitale Medien vorzuenthalten, anstatt sie digital kompetent zu bilden, zielt völlig an der Realität vorbei. Somit sehe ich persönlich mich weder als Apokalyptiker noch als Evangelist sondern als „DIGITALEN REALISTEN“.

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