Österreich und die Wissensgesellschaft – Heimat digital gebildeter Töchter und Söhne?

Am 5. September 2014 fand das A1 Forum Digitale Bildung statt. Ich durfte das Eröffnungsstatement halten.

Die Wissensgesellschaft

Neben dem Getöse rund um die Verwendung digitaler Medien im Allgemeinen und in der Schule im Besonderen vollzieht sich ein leiser aber unaufhaltsamer Wandel. Johannes Werner Erdmann (Universität der Künste Berlin) bezeichnet diesen als Leitmedientransformation. Mehr als 550 Jahre nach Einführung des Buchdrucks wird das Buch als Leitmedium allmählich von digitalen Medien abgelöst. Dieser Prozess ist unumkehrbar.

Die Leitmedientransformation führt zu einer Krise der Institutionen, die auf der Kultur des Buches aufbauen. Dazu zählen auch Schulen und Universitäten. Die Institutionalisierung der Schule, mit Schulorganisation, Stundenplan, Schulverwaltung und Unterrichtsgestaltung basiert auf gedruckten Buchstaben. Die Leitmedientransformation, die auch dazu führt, dass informelles Lernen an Bedeutung gewinnt, ist folglich eine Herausforderung, der sich die Schule stellen muss.

Lernen im Zeitalter der Digitalität

Wie verändert sich das Lernen, was ist neu am ‚neuen‘ Lernen?  Digitale Medien wurden oftmals als Hilfsmittel zum Lernen angesehen, ein Hilfsmittel, das das Lernen erleichtert oder erst ermöglicht. Ein Lernen ‚mit‘ digitalen Medien.

Durch das Aufkommen des Social Web und die rasante Verbreitung von Social Media Plattformen – mit all ihren Möglichkeiten und Gefahren – setzte und setzt sich die Erkenntnis durch, dass ein Lernen mit digitalen Medien zu wenig ist, ein Lernen ‚über‘ digitale Medien hinzukommen muss.

Tatsächlich ist die heutige Gesellschaft von digitalen Medien durchdrungen, wir nutzen sie beruflich wie auch privat. Das hat Folgen für das, was die Kinder in der Schule lernen sollten, damit sie die Kompetenz haben, ihr Leben erfüllend zu gestalten. Lernen im Zeichen der Digitalität geht somit noch einen Schritt weiter. Die Digitalisierung beeinflusst die Lehrinhalte aller Fächer. Auch wenn ich nicht mit digitalen Medien oder über digitale Medien lerne, so ist dennoch der Aspekt der Digitalisierung zu berücksichtigen. Dieser Standpunkt mag als ethnozentristisch angesehen werden in einer Welt, in der 61% der Weltbevölkerung keinen Zugang zum Internet haben. Dennoch: auch das Leben der Menschen, die das Internet nicht nutzen können, wird davon wesentlich beeinflusst.

Andreas Schleicher (Direktorat für Bildung der OECD) hat ein sehr anschauliches Diagramm präsentiert: „How the demand skills has changed“. Routinehandlungen manueller wie kognitiver Art verlieren zunehmend an Bedeutung in der Arbeitswelt (diese werden von Computern ausgeführt), gleichzeitig werden zunehmend höhere Kompetenzen im Bereich der Interaktion und Kollaboration erwartet.

Marc Prensky prägte den Begriff der ‚digital natives‘ – jenen Personen die im Gegensatz zu den ‚digital immigrants‘ bereits mit digitalen Medien aufgewachsen sind und diese wie selbstverständlich verwenden. Wäre das der Fall, wäre das für und Lehrerbildner/innen von großem Vorteil. Allerdings trifft diese Unterscheidung in seiner Pauschalität nicht zu. Wie und in welcher Intensität digitale Medien genutzt werden, ist nicht in erster Linie vom Alter abhängig. Eine detailliertere Darstellung erfolgt hier durch die SINUS Studie 2013, die insgesamt 7 Gruppen an Nutzungstypen unterscheidet.

Lehren im Zeitalter der Digitalität

Die Sehnsucht nach einer Automatisierung des Lernens treibt uns seit langem an. Bereits im Jahre 1588 erfand Ramelli das Bücherrad, in der Hoffnung, die weiten Wege zwischen den einzelnen Büchern zu verringern und das Wissen an einem Ort zu konzentrieren. Jean Coté wagte im Jahre 1901 eine Prognose, wie die Schule im Jahr 2000 aussehen würde und entwarf eine Schule des vollautomatisierten Lernens.

Tatsächlich besteht die Furcht, dass digitale Medien die Lehrenden in näherer Zukunft ersetzen könnten und Roboter das Lehren übernehmen. So werden in Südkorea bereits Tele-Präsenzroboter eingesetzt.

John Hattie hat in einer umfangreichen Meta-Metastudie 800 Metaanalysen und 50.000 Einzeluntersuchungen mit 250 Millionen beteiligten Schülerinnen und Schülern zusammengetragen und ausgewertet. Seine Ergebnisse sind aufgrund des unglaublichen Umfangs nicht außer Acht zu lassen. Tatsächlich ist seine Erkenntnis, dass weder Klassengröße oder andere Organisationsfaktoren, noch Fachkenntnis, auch nicht der Einsatz digitaler Medien den Unterricht in seiner Qualität wesentlich beeinflusst haben. Der bestimmende Faktor für den Unterricht ist die Lehrperson und seine Kompetenz. Möchte man die Qualität der Schule verbessern, ist das der entscheidende Hebel. Hattie: „Am wirksamsten ist aber das, was im Unterricht zwischen Lehrern und Schülern passiert.“

Anregungen für die Diskussion

(1) Nur durch den Einsatz digitaler Medien kommt das Wissen nicht von selbst. Die Auswertung des DIGIcheck hat ergeben, dass vor allem Defizite im Bereich der Didaktik der Medien bei den Lehrenden bestehen und gar nicht so sehr bei den Anwendungskenntnissen oder dem technischen Wissen. Neue Formen der Lehrendenfortbildung können hier eine sinnvolle Ergänzung sein (Mikrofortbildungen, Buddysysteme) und werden auch bereits durchgeführt. Ein Beispiel: die Medienfundgrube.

(2)  In Großbritannien wird ab diesem Herbst ein Schulfach Programmieren eingeführt und das ab der 1. Klasse der Grundschule. In anderen Ländern gibt es ähnliche Initiativen. Reicht es, wenn wir in Österreich in der Pflichtschule Medienbildung als Querschnittsmaterie anbieten, kann dadurch garantiert werden, dass jedes Kind auch medienkompetent die Schule verlässt? Haben informatische Bildung und Medienbildung in dieser Form der Unterrichtsorganisation ausreichend Platz?

(3) Technik kostet Geld, die Schulen haben zu wenig davon für ihre technische Ausstattung. In anderen Ländern wurden große flächendeckende Ausstattungsinitiativen gestartet (Tablets für alle Schüler/innen). Diese Projekte sind teilweise gescheitert. Vermutlich wäre es sinnvoller, den Schulen finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, die Entscheidung über die Art der Devices aber den Schulen zu überlassen, diesen aber gleichzeitig Strukturen der Unterstützung in der Entscheidungsfindung und in der Nutzung anzubieten. Die komplexe österreichische Situation der unterschiedlichen Schulerhalter von Pflichtschulen und höheren Schulen macht hier eine Investition nicht einfacher.

(4) Der Bereich der Forschung in Zusammenhang mit dem Einsatz digitaler Medien in der Schule sollte forciert und koordiniert werden. Projektschulen, die mit Lehrendenbildungsinstitutionen kooperieren und sich neben der Digitalisierung auch Konzepten wie dem ‚visible teaching‘ aber auch der architektonischen Gestaltung von Lernräumen widmen, wären für die Schul- und Unterrichtsentwicklung von Vorteil.

(5) Das OER Schulbuch.  In anderen Ländern bestehen bereits zahlreiche Projekte, die sich das digitale (frei verfügbare) Schulbuch zum Ziel genommen haben (CK12, Schulbuch-o-Mat,…).

(6) Die PädagogInnenbildung NEU: Es bestand die berechtigte Hoffnung, dass im Zuge der Neuaufstellung der Lehrendenbildung digitale Medien in einem zeitgemäßen Curriculum gebührend Platz finden und somit sichergestellt ist, dass Junglehrer/innen im Bereich des Lehren und Lernens mit und über digitale Medien mit den nötigen Kompetenzen ausgestattet ihren ersten Unterrichtstag antreten werden. Die ersten fertigen Curricula erfüllen – im Speziellen für die Sekundarstufe – diese Hoffnungen eher nicht.

 

Fotos von der Veranstaltung:

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Artikel zur Veranstaltung:

Pressetext: A1 Forum Digitale Bildung

Kurier: Digital oder nicht!? …

 

Ergänzungen – Quellen:

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