Standardantwort Nr. 6: Zwischen Nike-Didaktik und Bramac-Didaktik eine ausgewogene Position zu beziehen ist anspruchsvoll

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Die Nike-Didaktik. Digitale Medien im Unterricht: „Just do it!”

Die Preisträger des Media Literacy Awards 2018 haben in der Podiumsdiskussion mehrfach betont, dass sie zum Einsatz digitaler Medien im Unterricht praktisch keine Erfahrung hatten und einfach damit zu arbeiten angefangen haben, ohne viel darüber nachzudenken. Bei der ausführlicheren Darstellung ihrer Projekte zeigte sich aber sehr schnell, dass sie sich sehr gründliche Überlegungen über ihre Unterrichtsziele, ihre Schüler/innen und deren Eigenheiten, Möglichkeiten der Individualisierung, usw. gemacht haben. Ich denke also, dass das vorgebrachte Mantra, einfach drauf loszulegen, ohne zu wissen, was man da tut, eher der Bescheidenheit der Preisträger/innen geschuldet war.

Digitize or die (hier)!

Digital first, Bedenken second (z.B. hier).

Jedenfalls: Digitale Medien zu nutzen ohne vorheriges Konzept und anschließende Reflexion erhöht zwar den Stromverbrauch, das war es aber auch. Jöran Muuß-Merholz‘ Conclusio ist dann naheliegend: Wir digitalisieren das, was am einfachsten zu digitalisieren ist“ (hier). Jöran nennt die zwei Bereiche, die an den Schulen zuerst der Modernisierung obliegen: Input mit Veranschaulichung und Übung mit Feedback. Digitale Toolifizierung wäre das zugehörige Stichwort. Hier ist zu präzisieren, dass dem so ist, weil uns offensichtlich die Ungeduld treibt und nicht, weil wir keine prozessorientierten Konzepte vorweisen können.  Und das führt zur heiklen Frage, ob unsere Ideen zur Lehrerfortbildung die Richtigen sind um einen Paradigmenwechsel voranzutreiben. Meine persönliche Sichtweise dazu: das ist sehr von der Lehrerpersönlichkeit abhängig, oftmals genügt ein kleiner Impuls (ein Tweet), dann wiederum passt ein Nachmittag, manchmal sind längerfristige Formate das Maß der Dinge.   

Die Bramac1-Didaktik. Digitale Medien im Unterricht: „Alles gut bedacht.“

Diese Sichtwiese lässt sich folgendermaßen beschreiben: erst wenn ich mich durch alle Studien gelesen, Vor- und Nachteile abgewogen habe, erst dann beginne ich möglicherweise mit der Arbeit mit digitalen Medien im Unterricht. Dafür fehlen aber noch Studien zur Wirksamkeit des Einsatzes digitaler Medien im Unterricht und die passenden Geräte. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Augsburg hat diese Position (absichtlich?) in ihrem Beitrag (hier) beinahe ein klein wenig überzeichnet: „Indes, bislang ist noch nirgends der Nachweis erbracht worden, dass digitales Lernen tatsächlich einen substantiellen – oder wenigsten einen winzig kleinen – Vorteil beim Lernen mit sich bringt.“ So gesehen ist das eine perfekte Vorlage als Musterbeispiel für eine Bramac-Didaktik.

In diesem Zusammenhang bekamen wir vor einiger Zeit von einem Gutachter das Feedback zu einem Artikel, in dem wir näher auf die Effekte digitaler Medien auf das Lernen eingingen. Die Replik war, dass die These, dass man aufgrund der geringen Effekte auf digitale Medien im Unterricht verzichten könne, nur gelte, wenn man quasi zufällig Lehr-Lernszenarien realisiert, was niemand empfiehlt, da man ja schon weiß, welche Szenarien bessere Effekte auf das Lernen haben. Das ist soweit korrekt, setzt aber eben voraus, dass Lehrende die Studien dazu kennen und auch selbst Expertise gesammelt haben. Davon kann man nicht immer ausgehen.

Was nun?

Die Abwägung zwischen Nike und Bramac ist für Lehrende an Schulen eine große Herausforderung! Für uns, die wir als Anbieter von Aus-, Fort- und Weiterbildung für Lehrende eine Multiplikatorenfunktion innehaben, bedeutet das ein permanentes Infragestellen unserer Arbeit. Auch gute Evaluierungsergebnisse für Lehrveranstaltungen bedeuten noch lange nicht, dass wir auch das Richtige machen.

Mache ich das Richtige wichtig und das Wichtige richtig? Dienen die Inhalte unserer Lehrveranstaltungen nur einer Prolongierung einer überkommenen Schuldidaktik oder fördern sie den Paradigmenwechsel?  Verlassen wir uns auf die schnelle Zufriedenheit durch ein neu kennengelerntes Tool, eine vordergründig neue Methode oder begleiten wir bei dem mühsameren Weg des Überdenkens von tradierten Unterrichtsmethoden hin zu zeitgemäßer Bildung? Wie lässt sich beides verbinden? Und wie können wir in Zeiten des Übergangs entscheiden, was tatsächlich einen nachhaltigen Nutzen haben wird? Ein hohes Maß an Ambiguitätstoleranz ist da unerlässlich.

Lisa Rosa hat es auf den Punkt gebracht (hier): „Wir stecken historisch fest in dem (vermeintlichen) Paradox: Erst das neue Verständnis erzeugt die neue Praxis, die Voraussetzung fürs neue Verständnis ist. Wir können nur raus, wenn wir immer beides im Kopp2 haben/machen und nicht die ‚Immerhin‘ – Lösungen als Siege bejubeln.“

1öst. Bezeichnung, dt.: Braas-Didaktik

2 nieder- und mitteldeutsch für Kopf

Zur Übersicht: Acht Standardantworten zur digitalen Bildung

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