Standardantwort Nr. 2: Wir wissen nur ansatzweise, wie Unterricht unter den Bedingungen der Digitalität aussehen wird.

Das mag bei einem Blick auf Publikationen, die Predigten der digitalen Evangelistinnen und Evangelisten, der ausgerufenen digitalen Revolutionen überraschen. Wenn man sich aber intensiver mit der Frage auseinandersetzt, wie sich Schule und Unterricht unter den Bedingungen der Digitalität verändert und man anstelle von Annahmen auf solide empirische Daten zurückgreifen möchte, wird das Eis schnell dünn. Was aber nicht heißen soll, dass es keine empirischen Befunde gäbe. Hinzu kommt die Frage, was wir gemessen haben wollen: der Lernerfolg als Maßzahl ist zu kurz gegriffen (siehe Standardantwort Nr. 3).

Und wir müssen außerdem unterscheiden:

  1. Wie wird Unterricht unter den Bedingungen der Digitalität aussehen? vs.
  2. Wie wollen wir, dass Unterricht unter den Bedingungen der Digitalität aussieht?

Der Grund für diese Ungewissheit liegt in der Leitmedientransformation. Was versteht man darunter? Einem Leitmedium kommt eine Hauptfunktion in der gesellschaftlichen Kommunikation zu. Leitmedien sind nach Erdmann/Rückriem komplex, verschachtelt, umfassend, allgemein, irreversibel, eröffnen neue und andersartige Kommunikationsräume und ermöglichen (und erfordern) neue Lernformen. Neue Leitmedien verändern das gesellschaftliche System (und mehr) als Ganzes (hier, S. 18). Die typographische Kultur steht zurzeit vor der Ablöse, eine Kultur, die sich ab dem 16. Jahrhundert etabliert und bis heute Bestand hat. Wenn man die tiefgreifende Bedeutung des Buches für unsere Kultur im Allgemeinen und die Schulbildung im Besonderen bedenkt, erkennt man auch, welche Tragweite die mit einer Leitmedientransformation einhergehenden Umbrüche in der gesellschaftlichen Kommunikation haben und haben werden. Transformation bedeutet die Änderung von allem und von Grund auf, ein neues Emergenzniveau bildet sich heraus, diese Veränderung wirkt sich auch auf gekoppelte Systeme aus (detailliert: hier, S. 20).

Die Zeichen deuten darauf hin, dass sich das Erscheinungsbild der digitalen Medien zwar laufend wandeln wird, eine Rückkehr des Leitmediums Buch wird aber nicht stattfinden. Die Institutionalisierung der Schule, mit Schulorganisation, Stundenplan, Schulverwaltung und Unterrichtsgestaltung basiert auf gedruckten Zeichen. Daher initiiert der digitale Wandel eine Krise, die die Institution Schule bewältigen muss. Das Digitale ist mitten unter uns, angesichts des Zusammenpralls mit einer Schuldidaktik, die auf dem Leitmedium Buch gegründet ist, sind wir planlos, ziellos und nicht in der Lage, die Folgen abzuschätzen.

Unsere Wanderung führt vom festen Ufer der Gutenberg Galaxis (der Buchkultur) durch ein Flussbett, dessen Profil wir nicht kennen, in Richtung zum Ufer der Turing Galaxis (digitale Netzkultur). Immer wieder haben wir vermeintlich festen Boden unter den Füßen, wir verkünden ‚neue‘ didaktische Konzepte, eine ‚neue‘ Lernkultur. Diese sind bei näherer Betrachtung meist genauso wenig stabil wie die Steinchen im Flussbett unter unseren Füßen.  Wann erreichen wir das Ufer? Wann hat die neue Leitmedienformation der Turing-Galaxis jene der Gutenberg-Galaxis abgelöst? Wie sieht Unterricht unter den Bedingungen der Digitalität aus? Ira Diethelms Prognose lautet: „Der Endzustand des Digitalen ist längst da. Es ist der Zustand des stetigen Wandels“ (hier).

Ein gewisser digitaler Aktionismus ist in dieser Situation nicht zu leugnen, ein Hype jagt den nächsten, nachhaltige Initiativen sind rar. Axel Krommer spricht in diesem Zusammenhang von palliativer Didaktik als zusammenfassende „Bezeichnung für didaktische Maßnahmen, die nicht das Ziel verfolgen, das Schulsystem im Zeichen der Digitalisierung grundlegend zu verändern (bzw. zu ‚heilen‘), sondern lediglich dazu beitragen, dass die Schüler(innen) im traditionellen (bzw. als ‚krank‘ empfundenen) System bestmöglich angepasst sind“ (hier). Palliativ ist dabei durchaus in seinem ursprünglichen Sinn zu verstehen, der Begriff leitet sich vom lateinischen pallium ab, dem Mantel, Umhang. Konzepte und technische Hilfsmittel wie Flipped Classroom, Audience Response Systeme beziehungsweise interaktive Whiteboards u.ä. seien in diesem Sinne also nur das digitale Mäntelchen, das dem traditionellen Unterrichtsschema umgehängt wird, ohne systemische Änderungen voranzutreiben.

Wir müssen uns gewahr sein, dass die Leitmedientransformation unser Bildungssystem in ihren Grundfesten erschüttert, wir gleichzeitig aber auch schwer vorhersagen können, wie ein Bildungssystem der digitalen Netzkultur in seiner endgültigen Ausformung aussehen wird. Die Zunahme informellen Lernens, die geringere Abhängigkeit von Lernorten und Lernzeiten, und die zwar veränderte aber dennoch weiterhin bedeutende Rolle des Lehrenden werden wohl zentrale Bestandteile sein.

Ergänzungen:
Aufgrund einiger Reaktionen [u.a. hier (A. Krommer), hier (B. Nölte) und hier (J. Vedder)] und Retweets hat Standardantwort Nr. 2 relativ große Verbreitung erfahren und einige Reaktionen hervorgerufen.

Zur Übersicht: Acht Standardantworten zur digitalen Bildung

4 Antworten auf „Standardantwort Nr. 2: Wir wissen nur ansatzweise, wie Unterricht unter den Bedingungen der Digitalität aussehen wird.“

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