Standardantwort Nr. 5: Der Slogan „Pädagogik vor Technik“ ist zumindest irreführend

Die Aussage, dass zuerst an die Didaktik gedacht werden sollte und anschließend die Technik geplant werden kann, genießt breite Akzeptanz in der Lehrendenbildung. Wie verbreitet diese Sichtweise ist, zeigt diese Zusammenfassung einer Tagung: „Alle Teilnehmer der Tagung waren sich einig, dass Digitalisierung kein Selbstzweck sein darf. Die Entwicklung muss vom pädagogisch Sinnvollen, nicht vom technisch Machbaren bestimmt werden“ (Ebel, hier). Ähnlich wie bei den Mehrwertaussagen scheint das die Kompromissformel zu sein, auf die man sich einigen kann, ohne sie hinterfragen zu müssen. Ob konkret die Didaktik oder die Pädagogik angesprochen wird, ist in diesem Zusammenhang unerheblich.

Was ist damit gemeint – Pädagogik/Didaktik vor Technik? Bedeutet das, dass in der vorbereitenden Arbeit zuerst ein didaktisches Konzept entwickelt wird und dieses anschließend durch Technik aufgepimpt wird? Wenn ja, dann steckt dahinter wiederum die irreführende Gleichsetzung von Medium und Werkzeug.

Das Digitale ermöglicht auch völlig andere didaktische Zugänge, die bisher nicht denkbar waren. Postuliert man konsequent das Primat der Didaktik, hebt man nicht das Potenzial des neuen Leitmediums. Das soll aber nicht bedeuten, dass die Umkehrung uneingeschränkt richtig wäre. Es ist unwahrscheinlich, dass viele Agierende mit der Aussage „zuerst die Didaktik, dann die Technik“ immer diese strikte Rangfolge meinen, sondern eher im Zweifelsfall der Didaktik den Vorzug geben würden.

Stephanie Boden dazu:

„Das Einbeziehen von digitalen Medien unterstützt also nicht nur die Didaktik – es verändert sie auch. Neue Lernziele werden möglich, wenn die Lehrkraft die technischen Möglichkeiten mit ein wenig Neugierde, Kreativität und Mut einsetzt. Dann darf es nicht nur ‚Didaktik vor Technik!‘ heißen. Sondern auch: Didaktik dank Technik“ (Boden, hier).

Axel Krommer stellt dem Slogan „Didaktik geht vor Methodik“ eine Analogie gegenüber:

„Gesetzt den Fall, man plane statt einer Unterrichtsstunde eine Reise. Auch hier hat es den Anschein, als könne man zunächst das Ziel festlegen und müsse erst in einem zweiten Schritt darüber nachdenken, mit welchem Transportmittel sich dieses Ziel am bequemsten und schnellsten erreichen lässt. Doch dieses vermeintliche Primat des Reiseziels gegenüber dem Transportmittel ist das Resultat einer stark eingeengten Perspektive. Denn welche Ziele realistischerweise in den Blick genommen werden, hängt in entscheidendem Maße von den verfügbaren Transportmitteln ab. Um es an einem Alltagsbeispiel zu erläutern: Wer in einer Gesellschaft lebt, in der die Postkutsche das  schnellste Verkehrsmittel darstellt, kommt gar nicht auf die Idee, zum Einkaufen von Nürnberg nach München zu fahren, während dieses Reiseziel für einen Bahnfahrer mit dem ICE durchaus in Reichweite liegt“ (Krommer, hier).

Anders formuliert: die Möglichkeiten, die sich für den Unterricht durch den Buchdruck ergeben haben, wären nie gehoben worden, wenn man weiterhin im Rahmen der Möglichkeiten einer skriptographischen Kultur agiert hätte. Zur Beziehung von Didaktik und Technik wäre vermutlich das Bild der auf sich selbst aufbauenden und an sich wachsenden Spirale passender, so wie das NIE es auch (in anderem Zusammenhang) verwendet (hier).

Klaus Zierer glaubt anderer Ansicht zu sein, wenn er schreibt, dass Technik dem Menschen zu dienen habe (hier). Damit begibt er sich aber auf eine völlig andere Ebene der Diskussion. Das Zusammenspiel von technisch Machbarem mit pädagogisch Sinnvollem schließt ja nicht aus, dass der Mensch das Maß der Dinge ist. „Die Technik habe dem Menschen zu dienen“ – darunter lassen sich auch die obskursten technischen Möglichkeiten vermarkten. Sie dienen Menschen – wenigen ausgewählten. Technik habe dem Menschen zu dienen, das ist zu banal.

Beat Döbeli-Honegger greift in seinem Buch Mehr als 0 und 1 die Ansage Inhalt vor Technik auf. Darin sieht er eine auf den ersten Blick verständliche und doch gefährliche Argumentation – und es verhält sich somit ähnlich wie bei der oben angeführten Aussage Pädagogik vor Technik. Kurz zusammengefasst: Rasch verfügbare und zuverlässige Infrastruktur sei nach wie vor eine wichtige Voraussetzung (Mehr als 0 und 1).

Das ist alles geistiges Ballett für Mediendidaktiker (wie es Christopher Hanzl so schön formulierte, hier) und es besteht die Gefahr, dass man von Schubladisten und -innen falsch verstanden wird. Entsprechend Jan Vedders Vier-Augen-Gespräch (hier) wären diese Gedanken solche aus dem Blickwinkel des Adlers. Zur besseren Einordnung hilft vielleicht auch Standardantwort Nr. 2.

Durch digitale Medien verändert sich unsere Sichtweise der Welt. Leidenschaft für die Welt ist das, was Lehrende auszeichnet. Bringen wir unsere Leidenschaft für den neuen Blickwinkel auf die Welt ein.

Zur Übersicht: Acht Standardantworten zur digitalen Bildung

3 Antworten auf „Standardantwort Nr. 5: Der Slogan „Pädagogik vor Technik“ ist zumindest irreführend“

  1. Die These ist intelligent, und ich halte sie grundsätzlich auch für zutreffend – in der Zukunft. Zugleich ist im Detail überhaupt nicht klar, wie diese digitale Bildung oder Bildung in und für eine digitalisierte Welt genau aussieht. Und hier beginnt das Problem: wenn man den Praktikern nicht sagen kann, ob es Tablets, Textbooks oder Smartphones, ob es Apps, LMS oder Schulclouds sein werden und wie das Verhältnis zwischen OER und Schulbuch künftig sein wird, dann sollte man vielleicht vorsichtiger texten. Denn die Furcht des Lehrers im Alltag, dass er seine immense Workload WEGEN DER DIGITALEN MEDIEN nicht mehr schafft, seinen Schülern nicht gerecht wird und es keinen Mehrwert gibt, diese Furcht ist real, berechtigt und absolut nachvollziehbar. Das ist die Schwäche des Textes und sie kommt aus einem Phänomen, das stets in Zeiten des Aufbruchs zu beobachten ist: die Pioniere geben nicht viel auf Kritik, die sie auf Bedenkenträgertum abschieben. Sie lassen Widerrede nicht gelten und sie beziehen seriöse Gegenargumente einfach nicht mit ein. Auch dafür gibt es ein Wort: das ist unwissenschaftlich. Und damit kann man das in einem Diskurs, der auf wissenschaftlich-technischem Fortschritt beruht, nicht wirklich ernst nehmen. Kurz: wer einem Lehrer sagt, das digitale Toll darf Dir keinen Mehrwert bringen, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Oder?

    1. Sie sprechen schon einige wichtige Punkte an, aber: ich sage keinem Lehrer/keiner Lehrerin, dass sie nicht nach dem Mehrwert fragen darf. Lehrer/innen mit dieser Frage legen wir den roten Teppich aus, bieten Fortbildungen, Lehrgänge, etc. an und treten in Diskurs. Vielleicht klärt sich das auch etwas mit Standardantwort Nr. 6.

      Die Standardantwort zum Mehrwert richtet sich eher gegen Aussagen wie diese: „Indes, bislang ist noch nirgends der Nachweis erbracht worden, dass digitales Lernen tatsächlich einen substantiellen – oder wenigsten einen winzig kleinen – Vorteil beim Lernen mit sich bringt.“ Das zielt nur auf das Lernerfolgsargument und bringt uns nicht weiter – siehe hier: https://www.stadtzeitung.de/augsburg-city/politik/die-gewerkschaft-erziehung-und-wissenschaft-augsburg-bezieht-position-zu-der-aktuellen-digitalisierungsdiskussion-an-schulen-d77567.html

      Wissenschaftlichkeit: das ist ein persönlicher Blog und die Beiträge trägt auch meine Sehnsucht, etwas freier formulieren zu dürfen. Da verweise ich gerne auf den kommenden Artikel zum Nationalen Bildungsbericht, hier haben wir uns auch mit der Frage auseinandergesetzt, welche strukturorientierten, prozessorientierten und produktorientierten Änderungen und Neuerungen sich durch die Leitmedientransformation ergeben. Demnächst hier: https://www.bifie.at/system-schule/nbb/
      Beste Grüße, Gerhard

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