Eine Gruppe von österreichischen Pädagogen und Pädagoginnen arbeitet zurzeit an einem Referenzrahmen zu digitalen Kompetenzen und Informatischer Bildung für Abgänger der Sekundarstufe I. Im Gegensatz zu Deutsch, Mathematik und den Fremdsprachen steht dieses Projekt vor der besonderen Herausforderung, Kompetenzen in einem Bereich zu definieren, für den es kein durchgehendes eigenes Fach gibt. Die Zeit wäre längst reif für einen Gegenstand Medienbildung in der Sekundarstufe I. Dafür möchte ich hier einige Argumente anführen:
(1) Altbekannt und dennoch weiterhin zutreffend: Österreich ist eines der wohlhabendsten Länder der Welt. Die Erdöl- und andere Rohstoffvorkommen in unserem Land reichen nicht aus, um diesen Wohlstandsvorsprung auf Dauer zu gewährleisten. Einzig die Investition in Brain-Power kann den erreichten Status des Landes absichern, alleine auf Brain-Gain kann durch die verbrannte Erde im Bereich der Migrationspolitik nicht gesetzt werden, das wäre kurzsichtig und naiv. Die Bildung unserer Kinder ist der Schlüssel und MINT der Bereich, der für Jobs der Zukunft besonders gefragt ist. Initiativen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sind dringend notwendig, das haben schon andere früher erkannt.[1] Die Förderung von Interessen beginnt bereits in den Pflichtschuljahren, informatische Bildung wird hier – anstatt forciert zu werden – immer mehr zurückgedrängt.
(2) Wozu Informatik, wir machen ohnehin E-Learning! Eine konstruierte Konkurrenz, die unverständlich ist, ergänzen sich doch beide Bereiche und sind keineswegs deckungsgleich. E-Learning verstehe ich in erster Linie als Methodenkanon, um Inhalte verschiedenster Fächer zu vermitteln, informatische Bildung ist auch Inhalt. Diese Unterscheidung trifft in ihrer Pauschalität zwar nicht zu, kann aber die Struktur deutlicher machen: E-Learning-Werkzeuge sind nicht bloß etwas für Informatiker/innen sondern für alle Lehrer/innen! Die IT-Aficionados können bei der technischen Implementation behilflich sein. Wo finden aber informatische Inhalte, Themen der Medienbildung ihren Platz, wenn ausschließlich auf E-Learning gesetzt wird? Das Wieselburger Modell[2] erachte ich hier nach wie vor für eine schlaue Lösung, informatisches Wissen mit Themen der Fachbereiche zu verknüpfen und darüber hinaus E-Learning in den Fächern einzusetzen. Aufgrund der geänderten Bedingungen sollte allerdings eine „Surfschule“ mittlerweile verbindlich sein und auch in höheren Klassen angeboten werden.
(3) Ein Gegenstand “Medienbildung” hätte den Vorteil der Verantwortlichkeitsfestlegung für den Bereich. Damit wäre es auch möglich, ein Konzept, das über vier Jahre angelegt ist, zu erstellen, Querverbindungen zu anderen Fächern zu definieren und der Beliebigkeit Einhalt zu gebieten. Ein Unterrichtsprinzip hat im Gegensatz dazu einen “Paris-Hilton-Effekt”: nett anzusehen, aber ohne erkennbaren Mehrwert. Unterrichtsprinzipien führen zur Verantwortungsdiffusion.
(5) Warum Medienbildung und nicht (nur) Informatik? Weil dieser Gegenstand neben informatischem Wissen auch den Bereich des kompetenten und positiv-kritischen Umgangs mit Medien umfassen sollte (Stichwort: SaferInternet). Digitale Devices unserer Tage sind unter anderem auch deshalb heiß begehrt, weil die Mensch-Maschine-Schnittstelle deutlich Richtung Mensch gewandert ist, die Technik wird menschlicher. Oder – um Gerfried Stockers Worte zu verwenden – mit dem iPad dürfen wir tatsächlich wieder zwei unserer zehn Finger in adäquater Weise verwenden.[3] Ähnlich verhält es sich bei moderner, zeitgemäß programmierter Software. Das bedeutet aber auch, dass die Zeitressourcen, die für „Computer Literacy“ eingeplant sind, zugunsten von Fragen der „Medienkompetenz“ reduziert werden können. So stehen aber auch originär informatischen Inhalten mehr Ressourcen zur Verfügung, mehr Platz für problemorientiertes, selbstständiges Lernen anstelle von ausschließlichem ECDL-drill-and-practice.
So lange wir also noch eine Sekundarstufe I haben, die nach Fächern gegliedert ist, ist die Einführung eines Gegenstandes “Medienbildung”, der auf dem entwickelten Referenzrahmen beruht, dringend gefordert. Dieser Gegenstand bildet keinen Widerspruch zu E-Learning in anderen Unterrichtsfächern, sondern soll im Gegenteil den Einsatz digitaler Medien in allen Gegenständen unterstützen. Wir brauchen beides: Medienbildung und E-Learning. Sich auf das Wissen der “digital natives” zu verlassen und darauf zu vertrauen, dass unsere Kinder ohnehin im Umgang mit digitalen Medien kompetent sind, ist ein Irrtum[4]. Die “digital natives” könnten eher als “digital superficials” bezeichnet werden, wenn denn eine umfassende, ungegliederte Titulierung erwünscht ist. Sie besitzen zwar Handlungswissen im Umgang mit digitalen Medien, dieses bleibt aber sehr an der Oberfläche. Wir – die Alten – haben ihnen sogar etwas voraus, das wir den Jungen vermitteln müssen und zwar die kompetente Bewertung von Quellen, sprich: Bewertungskompetenz.
Dass Begriffe wie Programmieren und Algorithmus bei der Erstellung des Referenzrahmens so sehr verpönt sind, ist mir völlig unverständlich. Wer seine Gedanken in E-Mails nicht strukturieren kann (und das sind nicht wenige), sollte sich doch einmal mit Minilanguages auseinander setzen. Noch dazu: Scratch et.al. sind die Eisbrecher, mit denen man Kinder für Programmieren begeistern kann! Dazu möchte ich noch eine Rückmeldung wiedergeben, die mir ein Teilnehmer eines Scratch-Workshops zusandte: “[...] und habe nur noch gestaunt. Selten waren meine Schüler so mit Begeisterung dabei. Die Pausenglocke hat keiner wahrgenommen – alle haben weitergemacht.”
Die Kompetenz, digitale Medien kritisch, kreativ und produktiv zu verwenden, wird oftmals als vierte Kulturtechnik bezeichnet. Es ist mehr als das: eine nachhaltige, tiefgreifende Veränderung der drei etablierten Kulturtechniken, Schule muss auf den Leitmedienwechsel reagieren. Unsere Aufgabe ist es, unsere Schüler/innen auf eine Wissensgesellschaft vorzubereiten, die einen informierten Bürger, der zu lebenslangem Lernen bereit ist und mit seinem Wissen verantwortungsvoll Entscheidungen trifft, bedingt. Dafür brauchen wir: Medienbildung.
[1]Zum Beispiel: http://www.mint.at/content/testimonials-alle.php
[2] Hier: http://www.hswieselburg.ac.at/wb/pages/schulinfo/schulprofil.php
[3] Gerfried Stocker: Lernorte der Zukunft, Vortrag bei den EDU|days 2011, 16. Mai 2011
[4] siehe dazu Parycek/Maier-Rabler et.al (Hg.): Internetkompetenz von SchülerInnen. Themeninteressen, Aktivitätsstufen und Rechercheverhalten in der 8. Schulstufe in Österreich. Studienbericht. Wien/Salzburg/Krems: Juli 2010 http://www.elsa.schule.at/studien/Internetkompetenz_von%20SchuelerInnen.pdf) und Maier-Rabler in Ö1: „Von Tag zu Tag“, 5.3.2010