Standardantwort Nr. 3: Es kommt nicht ausschließlich auf den Mehrwert an

„Digitale Medien werden nur eingesetzt, wenn sie einen Mehrwert bringen, sie sollen keinesfalls Selbstzweck sein.“ Solche und ähnliche Sätze findet man in vielen Schulprogrammen und pädagogischen Konzepten (und ich gestehe: vor 20 Jahren hatten wir das auch in der Schwerpunktbeschreibung unserer Schule stehen). Beliebt sind sie wahrscheinlich deswegen, weil man damit Eltern und Lehrenden vermitteln kann, dass man verantwortungsvoll und bedacht mit digitalen Medien umgeht. Dabei ist aber nicht klar, worauf „Mehrwert“ und „Selbstzweck“ eigentlich bezogen sind. Es liegt die Vermutung nahe, dass sich „Mehrwert“ auf das Lernerfolgsargument bezieht.

Das Lernerfolgsargument ist aber nicht das einzige und auch nicht das ausschlaggebende Argument für die Auseinandersetzung mit dem Digitalen in der Schule (eine schöne Übersicht zu den Argumenten dafür gibt es bei Beat Döbeli Honegger: hier – und Argumente dagegen: hier).

An dieser Stelle lohnt es sich, anderswo weiterzulesen und nachzusehen:

Werden digitale Medien ausschließlich als Werkzeug verstanden, können die Auswirkungen der Digitalisierung nicht sichtbar gemacht werden. Mit einem derartigen mechanistischen Weltbild ausgestattet, begreift man, dass sich der Mensch weiter dem Arbeitsrhythmus der Maschine unterwirft oder von dieser abgelöst wird. Die gesellschaftlichen Veränderungen – die eigentliche Herausforderung – werden mit einer solchen Sichtweise nicht erkannt, geschweige denn angegangen (mehr dazu bei Rückriem: hier).

Wenn man dem Methodenvielfaltsargument folgt, bedeutet das, dass die Nutzung von Medien als Querschnittsthema alle Fächer betrifft. Daraus folgt oft die Sichtweise, dass ein vorhandenes Werkzeug durch ein digitales Werkzeug ersetzt wird (Tafel – IWB, Heft – Notebook, …). Diese Sichtweise wird weder den Möglichkeiten der digitalen Medien gerecht, noch zeugt sie von einem zeitgemäßen Medienbildungsverständnis.

Wie sieht es mit der Wechselwirkung zwischen der Nutzung digitaler Medien und dem lerntheoretischen Setting des Unterrichts aus? Dieses Argument beruht auf der Prämisse, dass die Forderung nach zeitgemäßem Lernen deckungsgleich ist mit einer konstruktivistischen und/oder konnektivistischen Sichtweise. Versucht man digitale Medien zu nutzen um in deren Wechselwirkung auch die Didaktik zu beeinflussen – die oftmals erwähnte Änderung der Lernkultur – so folgt auch daraus wie bei der vorgenannten Legitimation eine Integration digitaler Medien in den Unterricht der Fächer.

Der medienerzieherische Aspekt hat mehr Bedeutung, wenn man dem Lebensweltargument folgt. Kinder nützen täglich digitale Medien, das allein ist aber noch kein Grund, diese auch in der Schule einzusetzen. Erst durch Zusatzbedingungen wie jene, dass der kompetente Umgang mit digitalen Medien sich weder von selbst erschließt noch garantiert im Elternhaus erlernt wird, kommt die Schule ins Spiel.   Der Schule als Bildungsinstitution für alle Kinder kommt hier also eine hervorragende Rolle zu.

Hier besteht ein enger Zusammenhang zum Arbeitsweltargument. In Bezugnahme auf die Lebenswelt und Arbeitswelt kann nicht von einem Mehrwert digitaler Medien im Unterricht gesprochen werden. Es handelt sich um eine inhaltliche Auseinandersetzung.

Das Reflexionsargument stellt einen völlig anderen Bezug zum Einsatz digitaler Medien in der Schule dar. Bei diesem Ansatz wird so deutlich wie keinem anderen, dass die Digitalisierung unser Leben an sich sehr stark verändert hat und weiter verändern wird. Deutlich wird das auch im Kompetenzkatalog für Lehrende im Block B: „Digital Leben“ (hier). In diesem Zusammenhang von einem Mehrwert in der Schule zu sprechen, ist sinnwidrig.

Wenn vom Mehrwert digitaler Medien gesprochen wird, so erfolgt die Interpretation zumeist Richtung Lernerfolg, dieser hat nur beschränkte Gültigkeit. Digitale Medien führen nicht per se zu besseren Lernergebnissen, sie tragen in sich einen Aufforderungscharakter zu einer Adaption der Lernkultur – aber nicht mehr. Der Autopilot Richtung neuer Lernkultur sind sie nicht. Sie haben aber das Potenzial, dass Unterricht aus mediendidaktischer Sicht anders gestaltet wird. Andere Unterrichtsziele als nur der Lernerfolg können hiervon profitieren: die Fähigkeiten zusammenzuarbeiten, die Entwicklung von Problemlösestrategien, die Erhöhung der Selbstwirksamkeitserwartung und die Kompetenz des Selbstlernens.

Sancta Simplicitas erhört uns nicht, die Mehrwertmetapher ist anwendbar, wenn man berücksichtigt, dass sie sich nicht nur auf den Lernerfolg bezieht. In Bezug auf Lebens- und Arbeitswelt stellt die Auseinandersetzung mit dem Digitalen an der Schule einen Wert an sich dar, in Bezug auf Methodenvielfalt und Wechselwirkung ist der Terminus Mehrwert jedenfalls zu simpel und in Bezug zum Reflexionsargument ohne Angriffspunkt. Die Auswahl der Argumente ist exemplarisch (das Inklusionsargument habe ich bspw. nicht genannt) und die Kategorisierung kann auch ganz anders erfolgen.

Zur Übersicht: Acht Standardantworten zur digitalen Bildung

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